Zur Installation aus Leuchtkästen und einem Hörstück von Susan Paufler im Kunsthaus in Hamburg

von Andreas Kohlschmidt, 2010

1.) Der „Griffel der Objektivität“ und die eigene Handlung

Im Zeitalter der digitalen Fotografie haftet dem fotografischen Einzelbild nach wie vor im allgemeinen Rezipientenverständnis der Status des ‚Realen’ , des Fensters zu einer unmittelbaren weltlichen und physischen Realität an. Auch wenn das in der heutigen Zeit aufgenommene Bild sich in Bits und Bytes rekonfiguriert, haben wir das naive Verständnis vom ‚Realen der Fotografie’ nie ganz abgelegt; in den Köpfen der Betrachter geistert nur allzu schnell immer noch der Begriff des ‚Lichtbildes’ – des Bildes einer unzweifelbar Realität beanspruchenden Außenwelt, die qua Licht sprichwörtlich in ein Negativ ‚eingezeichnet’ ; abgebildet wird. Noch heute wird man auf zahlreichen Ausstellungen Besucher erleben können, die sich mit äußersten Interesse beim fotografierenden Künstler über die Umstände des zustande gekommenen Fotos informieren – inwiefern es denn ein „Blick auf die reale Welt“ repräsentiert.
Im Zeitalter der geradezu explodierenden technischen Neuerungen, die uns das ‚World Wide Web’, Videogames mit ihrer virtuellen Realität und länderübergreifende Lifechats kredenzen, scheint unsere Welt mehr denn je unter universellen, wissenschaftlichen Ergebnissen zum ‚Global Village’ zusammengeschrumpft zu sein – was für ein Sieg für die Astrophysik und die bloße Kalkulation von Werten, die die Welt in planbare Ariale und Räume zerschneiden!

Dabei scheint es an diesem Punkt müßig, darüber zu streiten, ob das Foto immer noch die Referenz einer physikalisch, realen Außenwelt ist – oder ( um mit Bourdieu zu sprechen ) nur als „Ausdruck und Symptom der sozialen Beziehungen“ Geltung beansprucht: Worum es hier geht ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Determination – sind wir mehr als nur die blinden Aggregate einer durch Physik in Kräfte, Zeitintervalle und Raum zergliederten Welt; sind wir mehr als bloße Glieder von sozialen und gesellschaftlichen Konstrukten?
Aber was bleibt außer der Determination, die uns moderne Wissenschaften als Prädikat so gerne anheim legen wollen? Nun – Freiheit. Wenn aber Freiheit – dann auch der Begriff des Handelns, dass sich im Sprechen und in Taten äußern kann.

Und natürlich sind die künstlerischen Arbeiten von Susan Paufler keinesfalls weniger als dies: Handlungen, Taten, Sprechen mit eigenen Zeichensystemen.

Hatte ich oben aber von der Imagination des fotografischen Bildes als ‚Fenster zum Realen’ gesprochen; vom ‚Lichtbild’ unter dem „Griffel der einfallenden Lichtstrahlen“, die ein ‚Negativ’ zeichnen, so arbeitet der Begriff der Skulptur nicht weniger mit der Auseinandersetzung zwischen determinierendem Außenraum und einer künstlerischen Handlung, die diesem entgegengesetzt wird und zu einer neuartigen Synthese beider Positionen führt.
Denn vergleichbar mit dem Prozess, in dem sich in vergangenen Tagen die ‚reale Außenwelt’ via Licht in das Negativ des fotografischen Materials einzeichnete und auch allzu oft heute noch zu einer Auseinandersetzung mit dem Anspruch des Faktiven drängt, so fügen sich bei der skulpturalen Form die negativen, vorgefundenen Volumina des umgebenden Raumes in die – in diesen Raum drängenden – positiven Formen einer Skulptur: Erneut scheint eine Behauptung zwischen Außenraum und Kunstwerk vor sich zu gehen.

Hatten die Paradigmen der Objektivität der physikalischen Wissenschaften dereinst den Siegeszug der Fotografie auf den Weg gebracht und zu Preisungen der ‚Objektivität’ der mechanischen Fotokammer ( die nun das subjektive, für Fehlbeobachtungen anfällige Auge des Malers ersetzte ) und des ‚Lichtgriffels’, der die Natur unverfälscht auf das Material niederzeichnet, geführt, so wusste die moderne Fotografie in ihrer Entwicklung als Kunstform sich immer mehr von diesen Gefälligkeitsdiensten zu befreien.
Kunst zu sein – Handlung zu sein – hatte man der Skulptur indes über die Jahrhunderte sehr viel freimütiger eingeräumt. Wenngleich sie auch in ihren modernsten Formen seit 1900 nochmals eine erstaunliche Emanzipation gegenüber reinen ‚Übersteigerungen von Mensch und Natur’ erreichte, so war ihr Weg als Kunstform offensichtlich nicht ganz so beschwerlich wie der der modernen Fotografie. Früh verstand man, dass es ein Eingreifen der Kunstform selbst ist, wenn ihre skulpturalen Formen gegen das Volumen des so selbstverständlichen Außenraumes geschoben werden.
Es mag beiden Formen von Kunst – der Fotografie wie auch der Skulptur – geschuldet sein, dass wir in den heutigen Tagen die Chance zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Raum und Zeit erhalten, die eine Bedeutsamkeit dieser Größen für uns als Menschen wieder in den Vordergrund stellt.

2.) Handlung als Behauptung: Körper, Bild – Gesänge…

Indes spricht Susan Paufler von „…fragmentarischen Konstrukten“ und vom „… scheiternden Versuch, einer Bewegung entgegenzuwirken, die nicht die des eigenen Körpers ist.“ – von dem im Medium der Fotografie entstandenen Bild als „…Bild danach.“
Dies mag sowohl von einem Bewusstsein über den Charakter von Bewegung – mithin Handlungen im weitesten Sinne – wie auch von etwas voreiliger Bescheidenheit zeugen: Nichts desto weniger steht unser eigenes Selbstverhältnis, unsere Intentionalität mit all ihrer Vielfalt offensichtlich hier zur Diskussion.
Dem Menschen als „homo faber“, als weltenbildendes Wesen ist in der heutigen Zeit unter den ‚objektiven Dogmen’ der Wissenschaftlichkeit der unmittelbare, vitale Weltbezug nur allzu zerronnen.
Vorstellungen von Ganzheitlichkeit haben sich aufgelöst in Berechnungen von Kräften und Elementen. Es sind die „…kristallinen Systeme, in Deinem Blick wie in meinem…“ , die uns zum scheiternden Ikarus der Neuzeit gemacht haben und die unsere eigenen Träume und Erfahrungen ‚entzaubern’. Die sinnlichen Erfahrungen des Duftes von Aprikosenbäumen, das Wissen um Gedichte, die eigene Bilder erzeugen – eigene Welt – sind von den hektischen Bewegungen neuzeitlicher Paradigmen – von diesen „…Gifthubschraubern“ zerbrochen, fragmentiert, zerstreut worden. Zwischen uns – als Subjekte mit Selbstbezug – und der ‚Objektivität’ dieser Paradigmen scheint „…ein Kriegspfad durch das Zimmer zu verlaufen.“ Bleibt uns zu hoffen, dass dies nicht in Vergessenheit gerät: „Träumer müssen träumen.“ Denn mit der Fähigkeit zum Träumen ist hier sicherlich nicht der private Rückzug gemeint, der als Kapitulation vor den Systemen zu begreifen ist: Träumen verschafft uns ureigenste Bilder und Eindrücke – und zeugt allzu oft von Ängsten und Sehnsüchten, die unser Handeln – unser Einmischen in die Welt – bestimmen. Das wir die Fülle von Folgen einer jeder unserer Handlungen nie voll absehen können; dass wir immer erneut ansetzen müssen, mag unseren Entäußerungen den Charakter des „Fragments“ geben. Vergangenes, Vorgefundenes ( das zu einem erheblichen Teil auch unser Verständnis von „Welt“
ausmacht ) durchkreuzt sich mit unserem Entwurf, den wir dieser Welt neu hinzufügen und es kommt zu Verschränkungen. Das Künden von Handlungen selbst; das Erzählen und Zeugen über subjektive Welten und Personen – in Bild, Raum, Text und Gesang mag freilich nie ganz frei vom Moment des „Danach“ sein.

3.) „Danach“ uns „Jetzt“ – die eigene Bewegung und ihre Kontingenz

Was macht nun die Paufler? An diese Stelle sei auf meinen „Vorwurf“ der „ voreiligen Bescheidenheit“ verwiesen: Denn die Arbeiten von Susan Paufler – die Präsentationen von Fotografien auf vom Boden erhabenen Leuchtkästen – zeitigen nicht einfach nur ein „Danach“ von fotografischen Bildern, die zeitverzögert Objekte und Landschaften, welche über die vage erahnbare Situation eines Zugabteils ineinander verspiegelt sind, zu eigenen Formen schmelzen lassen. Die skulpturale Räumlichkeit der Leuchtkästen, die konzentrierten Volumina ihrer Gegenständlichkeit lassen sich lesen als eine Behauptung gegen den Raum des Außen mit seinem ‚negativen Volumen’. Mit der Entscheidung zur Wahl räumlicher Objekte setzt die Künstlerinn eine eigene, positive Räumlichkeit – mithin eine eigene, abstrahierte Form von Körperlichkeit dem Ausstellungsraum entgegen. Durch diese Besitznahme des Raumes, durch räumliche Objekte, die sich vom Boden diesem entgegenheben, schafft Susan Paufler an der Nahtstelle zwischen Ausstellungsraum und Objekt, zwischen präsentierter Arbeit und der Rezeption des Betrachters eine Berührung, eine Auseinandersetzung. Denn die räumliche Bewegung von Pauflers Objekten – ihre Ausdehnung in den Galerieraum –zeitigt bei dem Betrachter gleichsam eine neue Art von Bewegtheit: Sei es die Senkung des Kopfes, das Vorbeugen des Oberkörpers, um die Objekte ganz betrachten zu können – sei es der Wunsch, das Objekt zu umschreiten.
Die Installationen erfahren somit eine Einbindung in Galerieraum und in den Prozess ihrer Rezeption: Äußere Räumlichkeit, von allen Betrachtern als ‚objektiv gegeben’ geteilt und konkrete Gegenständlichkeit der Leuchtkästen - wie auch die Verschränkung der inneren Bildwelten auf den Fotografien - erfahren eine neue Einheit.

Die auf den Leuchtkästen präsentierten Fotografien sind durchaus Zeugnisse eines physikalischen Prozesses: Die Spiegelungen innerhalb zweier Zugfenster eines fahrenden Abteils wie auch der Ausblick auf die vorbeirasenden Landschaften, die aus einem der Fenster zu erahnen sind, sind ja in ihrer Verschmelzung durchaus das Ergebnis optischer Phänomene. Aber durch die Beobachtungsgabe der Künstlerin stellt sich diese Gesamtkomposition der konkreten, physisch –physikalischen Situation des fahrenden Zugabteils entgegen, verschränkt sich in sich selbst und schafft erneut eine Symbiose von Außenraum/ Außenwelt und eigenen, entdeckten Arrangements, die für die Bildwelten von Susan Paufler stehen mögen. Das präsentierte Foto ist somit weit mehr als ein bloßes ‚Zeichen’ für eine uns allzeit präsente Welt der Gesetzmäßigkeiten – es entzieht sich den lesbaren Konventionen konkret abgebildeter Objekte , greift gleichsam in sich selbst ein und wird zur eigenständigen Handlung, zum artifiziellen Objekt der Betrachtung.

Die Fotografien ruhen wiederum auf den Leuchtkästen wie auf Podesten oder Postamenten.
Sie binden sich über diese Art der Präsentation in einen Kontext der Kunst räumlich erneut ein: Denn von jeher ist uns geläufig, dass Objekte – ruhend präsentiert auf Podesten und Postamenten – der Beachtung, der Betrachtung und der Dokumentation würdig sind; freilich einer Dokumentation, wie sie Kunst leistet.
Was hier nun im wahrsten Sinne des Wortes aufs ‚Podest gestellt ist’, verbleibt nicht auf dem bloßen Status eines „Bildes danach“, denn dies würde es auf die Funktion des Zeichens und der Repräsentation eines zeitlich fixierbaren Vorganges reduzieren – es erhält als „Bild“ im weitesten Sinne die Freiheit, für sich selbst zu stehen. Somit stellt sich hier weniger der Vertreter eines Genres zur Dokumentation und Wahrnehmung aus, als vielmehr die künstlerische Leistung ansich: Bild, Objekt - eine eigene Form der künstlerischen Bewegung zu sein, die sich in ihrer reizvollen Verschränkung mit der gemeinsamen Welt selbstbewusst der ‚Objektivität von Außen’ entgegenstellt.